
„Kurz vor der Jahrhundertwende, im Jahr 1897, wurde Eberhard Gildemeister als vierter Sohn des bekannten Architekten Eduard Gildemeister in Bremen geboren. Nach einem freiwilligen Kriegsdienst von 1915 bis 1918 begann er sein Architektenstudium in Darmstadt. Mit 30 trat er in das Büro des angesehenen Architekten Rudolf Jacobs in Bremen ein. Mit 31 Jahren gewann er – zusammen mit seinem Bruder Hermann – den Wettbewerb für das Gebäude der Nordwolle am Wall – Haus des Reich. Dieses Gebäude zeigt schon die Elemente von Gildemeisters Formensprachen:
- Einfügen – trotz beträchtlichen Volumens
- Wohlabgewogene Gliederungen und Proportionen
- Ortsgebundenes organisches Material und seine handwerksgerechte Anwendung
- Insgesamt besteht der Eindruck einer gewissen „Festlichkeit“
In den Jahren 1932 bis 1939 entwirft und baut Gildemeister eine Reihe schöner Wohnhäuser in landschaftlich reizvoller Umgebung. Neben der vollkommenen Einbindung in die Natur gelingt es ihm, für die Bauherrschaft speziell angepasste Räume zu schaffen, in denen sich ein glückliches und kultiviertes Familienleben entwickeln kann.
Die Intensität seiner idealistischen Arbeitsweise kam jedermann zu gute. Im Jahr 1937 erhält Gildemeister den Auftrag für die Werksiedlung der Rolandsmühle in Bremen-Walle, die durch ihre Funktionalität und formale Qualität zu den besten Beispielen bremischer Sozialbauten zählt.
Nach dem zweiten Weltkrieg beginnt Gildemeister erst nach längerer Krankheit wieder mit seiner Architektenarbeit. Von 1951 ab entwirft er die Wohnhäuser im Lehnhof in Bremen-St. Magnus. Allein das landschaftliche Konzept, in dem sich um einen weiten grünen Anger eine Reihe anspruchsvoller Wohnhäuser gruppiert, hat etwas Großzügiges und Neuartiges. Der romantische Anteil in den Bauformen ist unverkennbar: bei Gildemeister wurden diese Elemente niemals im Sinne einer Verniedlichung eingesetzt.
Gildemeister scheute sich nicht, seine Sensibilität in leidenschaftlicher Zuwendung den Sachen oder den Menschen entgegenzubringen. In jeden Jahren baute Gildemeister unter anderem auch sechs Kirchen und Gemeindezentren, darunter die köstliche Rembertkirche. Ferner hat er für eine Filiale der Sparkasse einen baugeschichtlich wertvollen Rokoko-Giebel in die Westfront des Markplatzes eingepasst und einen angemessenen Neubau dahinter entwickelt.
Auch das beliebte Forsthaus Heiligenberg bei Bruchhausen-Vilsen hat Gildemeister um- und neugebaut und dadurch seine feinfühlige Hand im Umgang mit Baudenkmälern gezeigt. Ein Beispiel für die behutsame Weiterführung vorhandener Baustrukturen ist auch das Hotel im Hafen Neuharlingersiel, das in den 60er Jahren entstand.
Eberhard Gildemeister hat sich auch im hohen Alter nicht zur Ruhe gesetzt. Es umgab ihn diesen ewig aufnahmefähigen, unruhigen Geist, ein gewisser Zauber des Jünglinghaften. Bis zuletzt nahm er leidenschaftlich an allem Anteil, was in den Bereich des Baugeschehens und der Kunst fiel. Sein Gefühl für Qualität stellt hohe Ansprüche und forderte entschiedene Bekenntnisse von seiner Umgebung – und so bedeutete es nicht immer nur sanfte Eintracht für den, der mit ihm umging.
Aber Eberhard Gildemeisters ganzer Sinn war auf das Edle und Echte gerichtet. Dafür hat er ein Architektenleben hingegeben. Was man auch im einzelnen zu seinem Werk sagen mag, für die so seltene Gesinnung in dieser Zeit sollten wir ihm danken. Alle Anzeichen sprechen dafür, dass sein Werk in dieser Periode einer Neubesinnung auf die Grundwerte der Architektur Bedeutung gewinnen wird. Die Erkenntnis von der Substanz seiner Bauten wird wachsen, denn – wie Ernst Jünger einmal gesagt hat – „das Echte wird weniger durch die Zeitgenossen ausgesondert, als durch die Zeit“.
Gerhard Müller-Menckes in „Der Aufbau“, Band 3, September 1978, zum Abschied von Eberhard Gildemeister